Karl Kraus - Aphori­smen

Eros, Moral, Christentum

Die Wahre Be­zie­hung der Ge­schlech­ter ist es, wenn der Mann be­kennt: Ich ha­be kei­nen an­dern Ge­dan­ken als dich und darum im­mer neue!


Ich ste­he im­mer un­ter dem star­ken Ein­druck des­sen, was ich von ei­ner Frau den­ke.


Es gibt Frau­en, die nicht schön sein kön­nen, son­dern nur so aus­se­hen.


Da das Hal­ten wil­der Tie­re ge­setz­lich ver­bo­ten ist und die Haus­tiere mir kein Ver­gnü­gen ma­chen, so blei­be ich lie­ber un­ver­hei­ra­tet.


Von ei­nem Be­kann­ten hör­te ich, daß er durch Vor­le­sen einer mei­ner Ar­bei­ten eine Frau ge­won­nen hat. Das rech­ne ich zu mei­nen schön­sten Er­fol­gen. Denn wie leicht hät­te ich selbst in die­se fa­tale Si­tua­tion ge­ra­ten kön­nen.


Die ei­nen ver­füh­ren und las­sen sit­zen; die an­de­ren hei­ra­ten und las­sen lie­gen. Diese sind die Ge­wis­sen­lo­se­ren.


Vergleichende Erotik - Kategorien

Ero­tik ist die Über­win­dung von Hin­der­nis­sen. Das ver­lockend­ste und populärste Hin­der­nis ist die Moral.


Moral ist ein Ein­bruchs­werk­zeug, wel­ches den Vor­zug hat, daß es nie am Tat­ort zu­rück­gelas­­sen wird.


Ent­halt­sam­keit rächt sich im­mer. Bei dem ei­nen er­zeugt sie Pu­steln, beim ande­ren Sexual­gese­tze.


Sittlichkeit und Kriminalität

Es wäre ei­ne in­teres­san­te Sta­tis­tik: Wie­viel Leu­te durch Ver­bo­te dazu ge­bracht wer­den, sie zu über­tre­ten. Wie­viel Ta­ten die Fol­gen der Stra­fen sind.


Christlicher Umlaut

Eifer­sucht ist ein Hun­dege­bell, das Die­be an­lockt.


Lie­ben, be­tro­gen wer­den, ei­fer­süch­tig sein - das trifft bald ei­nen. Un­be­quem­er ist der an­de­re Weg: Ei­fer­süch­tig sein, be­tro­gen wer­den, lie­ben!


Wo wir star­ren, zwinckert die Moral.


In der Lie­be ist je­ner der Haus­herr, der dem an­de­ren den Vor­tritt läßt.


Sinn­lich­keit weiß nicht von dem, was sie ge­tan hat. Hys­terie er­innert sich an al­les, was sie nicht ge­tan hat.


Er war so un­vor­sich­tig, ihr vor je­dem Schritt die Stei­ne aus dem Weg zu räu­men. Da holte er sich ei­nen Fuß­tritt.


Kunst

Die Vor­stel­lung, daß ein Kunst­werk Nah­rung sei für den phi­lis­trö­sen Ap­pe­tit, schreckt mich aus dem Schla­fe. Vom Bür­ger ver­daut zu wer­den, ver­schmähe ich. Aber im Ma­gen lie­gen­zu­blei­ben, ist auch nicht ver­lockend. Darum ist es viel­leicht am bes­ten, sich ihm über­haupt nicht zu ser­vieren.


Ein Dich­ter, der liest: ein Anb­lick wie ein Koch, der ißt.


Ge­räusch wird stö­rend nie em­pfunden, weil stets es mit Musik ver­bun­den.


Es gibt zwei Ar­ten von Schrift­stel­lern. Solche, die es sind, und sol­che, die es nicht sind. Bei den ers­ten ge­hör­en In­halt und Form zu­sam­men wie See­le und Leib, bei den zwei­ten pas­sen In­halt und Form zu­sam­men wie Leib und Kleid.


Was leicht ins Ohr geht, geht auch leicht hin­aus. Was schwer ins Ohr geht, geht auch schwer hin­aus. Das gilt vom Schrei­ben noch mehr als vom Mu­sik­ma­chen.


Man muß mei­ne Ar­bei­ten zwei­mal le­sen, um ihnen nahe zu kom­men. Aber ich ha­be auch nichts da­ge­gen, dass man sie drei­mal liest. Lieber ist mir, man liest sie über­haupt nicht als bloß ein­mal. Die Kon­ges­tio­nen eines Dumm­kopfs, der kei­ne Zeit hat, möch­te ich nicht ver­ant­wor­ten.


Wer­de­gang eines Schrei­ben­den: Im An­fang ist man's un­ge­wohnt und es geht darum wie ge­schmiert. Aber dann wird's schwerer und immer schwerer, und wenn man erst in die Übung kommt, dann wird man mit manch ei­nem Satz nicht fer­tig.


"Gut schreiben" ohne Per­sön­lich­keit kann für den Jour­na­lis­mus reichen. Allen­falls für die Wis­sen­schaft. Nie für die Li­tera­tur.


Die Pros­ti­tu­tion des Lei­bes teilt mit dem Jour­na­lis­mus die Fä­hig­keit, nicht em­pfin­den zu müssen, hat aber vor ihm die Fä­hig­keit voraus, em­pfin­den zu kön­nen.


Lich­ten­berg gräbt tie­fer als irgend­einer, aber er kommt nicht wie­der hin­auf. Er re­det unter der Er­de. Nur wer selbst tief gräbt, hört ihn.


Ich beherr­sche die Spra­che nicht; aber die Spra­che be­herrscht mich vollkommen. Sie ist mir nicht die Dienerin meiner Ge­dan­ken. Ich lebe in einer Ver­bin­dung mit ihr, aus der ich Ge­dan­ken em­pfan­ge, und sie kann mit mir ma­chen, was sie will. Ich pa­rie­re ihr aufs Wort. Denn auf dem Wort springt mir der junge Ge­dan­ke ent­ge­gen und formt rück­wir­kend die Spra­che, die ihn schuf. Solche Gna­de der Ge­dan­ken­träch­tig­keit zwingt auf die Knie und macht allen Auf­wand zit­tern­der Sorg­falt zur Pflicht. Die Spra­che ist die Herrin der Ge­­dan­ken, und wer das Ver­hält­nis um­zu­keh­ren ver­mag, dem macht sie sich im Hause nütz­lich, aber sie sperrt ihm den Schoß.


Einer, der Aphoris­men schrei­ben kann, sollte sich nicht in Auf­sätzen zer­split­tern.


Ein Ge­dan­ken­strich ist zu­meist ein Strich durch den Ge­dan­ken.


Ich habe gegen Ro­manli­te­ra­tur aus dem Grun­de nichts ein­zu­wen­den, weil es mir zweck­mäßig er­scheint, daß das, was mich nicht in­teres­siert, um­ständ­lich gesagt wird.


Mo­der­ne Ar­chi­tek­tur ist das aus der rich­ti­gen Er­kennt­nis einer feh­len­den Not­wen­dig­keit er­schaf­fene Über­flüs­sige.


Der Bür­ger dul­det nichts Un­ver­ständ­lich­es im Haus.


Ich ma­che klei­ne Leu­te durch meine Sa­tire so groß, dass sie nach­her wür­dige Ob­je­kte für meine Sa­tire sind und mir nie­mand einen Vor­wurf ma­chen kann.


Ich be­herr­sche nur die Spra­che der an­der­en. Die mei­nige macht mit mir, was sie will.


Apho­ris­men Mensch und Ne­ben­mensch

Lie­be deinen Näch­sten wie dich selbst. Denn: jeder ist sich selbst der Näch­ste.


Wer an­dern eine Gru­be gräbt, fällt selbst hin­ein.


Un­ter Dank­bar­keit ver­steht man ge­mein­hin die Be­reit­wil­lig­keit, le­bens­läng­lich eine Sal­be auf­zu­schmieren, weil man ein­mal Läuse ge­habt hat.


Wie sou­verän doch ein Dumm­kopf die Zeit be­han­delt! Er ver­treibt sie sich oder schlägt sie tot. Und sie lässt sich das ge­fal­len. Denn man hat noch nie ge­hört, dass die Zeit einen Dumm­kopf ver­trie­ben oder tot­ge­sch­la­gen hat.


Nicht ist eng­her­zi­ger als Chau­vi­nis­mus oder Rassen­haß. Mir sind alle Men­schen gleich, über­all gibt's Schafs­köp­fe, und für alle habe ich die glei­che Ver­ach­tung. Nur kei­ne klein­lich­en Vor­ur­teile.


Karl Kraus, 28.04.1874 bis 12.06.1936, öster­reichi­scher Schrif­tstel­ler, Pub­li­zist, Sa­ti­ri­ker, Apho­ris­ti­ker, Dram­ati­ker